Der KKV Landesverband Bayern begrüßt generell die durch die internationalen Schulleistungstests (IGLU, TIMMS, PISA usw.) ausgelöste nationale und internationale Diskussion über die derzeitige Schul- und Bildungspolitik in Deutschland, weil sie das größte Kapital unserer Gesellschaft, nämlich die Bildung und die Zukunft unserer Kinder endlich wieder mit der notwendigen Nachdrücklichkeit in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stellt.
Generell stehen der Staat und die entsprechenden Aufsichtsbehörden in der Pflicht, dass die materiellen und personalen Mittel und Ressourcen im Bildungssektor möglichst gewinnbringend und effektiv eingesetzt werden. Dies beinhaltet insbesondere die systematische Sicherung und ständige qualitative Weiterentwicklung von Schule und (Aus)-Bildung.
Allerdings darf Schule und Bildung nicht auf „messbare“ Bildungsstandards und Teilkompetenzen verkürzt werden, sondern muss den jungen Menschen in seiner Ganzheit und in allen Dimensionen seines Seins fördern. Dies betrifft sowohl die Individualität und Einzigartigkeit als auch die Sozietät und Transzendenz jedes (jungen) Menschen.
Ein Schul- und Ausbildungssystem, das seinen in der Verfassung verankerten Bildungs- und Erziehungsauftrag ernst nimmt, junge Menschen zu befähigen, ihr jetziges und zukünftiges Leben beruflich und privat zu meistern, muss den jungen Menschen in seiner Persönlichkeit ganzheitlich fördern, mit dem Ziel, dessen kognitive, motorische, affektive, emotionale, soziale, kommunikative, ethische und religiöse Anlagen zur vollen Entfaltung zu bringen.
Der KKV wendet sich insbesondere gegen die derzeitige Regelung der Schullaufbahnentscheidung. Die derzeitige Praxis, in der die Entscheidung über die Schullaufbahn und damit verbunden auch über die weitere berufliche und private Lebensgestaltung der Kinder bereits de facto in der dritten bzw. vierten Klasse der Grundschule erfolgt, ist weder unter pädagogischen, lernpsychologischen, wirtschaftlichen noch ethischen Gesichtspunkten sinnvoll und nachvollziehbar. Stattdessen sollte unser Schul- und Bildungssystem noch gezielter jedes Kind bzw. jeden Jugendlichen individuell bestmöglich fördern.
Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht. Der KKV setzt sich deshalb aus seinem Selbstverständnis als katholischer Sozialverband mit Nachdruck dafür ein, dass jedes Kind und jeder Mensch, unabhängig von seiner sozialen Herkunft, gleichermaßen und im gleichen Umfang „Bildung“ erhält. Völlig indiskutabel ist dabei, dass in keinem der durch die PISA-Studien untersuchten Länder der Zusammenhang zwischen Schulerfolg und sozialer Herkunft größer war und ist als in Deutschland.
Damit Schule ihre Aufgaben in einer sich immer schneller veränderten Welt noch erfüllen kann, muss über neue Formen des Lernens, des Schullebens und der Schulkultur nachgedacht werden. Hierbei ist es notwendig auch die bestehenden Organisationsstrukturen von Schule zu hinterfragen. So erscheint es überaus fraglich, ob die gegenwärtige Halbtagesschule in Deutschland geeignet ist, die Lebens- und Lernprobleme von jungen Menschen nachhaltig zu lösen. Hier muss über neue Formen der Schulorganisation, z. B. in Form von offenen und gebundenen Ganztagesschulen nachgedacht werden.
Noch wichtiger als die Veränderung der Organisationsstrukturen ist jedoch ein grundlegender Bewusstseinswandel in der Gesellschaft und in den Köpfen der Betroffenen über das Selbstverständnis von Schulen und Ausbildungseinrichtungen. Diese werden sich mehr und mehr von „Belehranstalten“ zu „lernenden Organisationen“ und „Kooperationszentren“ weiterentwickeln müssen, um auf den beschleunigten sozialen Wandel und die sich ständig verändernden Anforderungen der Arbeitswelt reagieren zu können.
Dies setzt eine grundlegende Reform der Lehrerausbildung bezüglich deren Inhalte, Methoden und der Auswahl der „Ausbilder“ voraus. Insbesondere müssen dabei Theorie und Praxis frühzeitiger, effektiver und organischer miteinander verbunden und auf die spätere Berufstätigkeit der betroffenen Personen bezogen werden. Eine entscheidende Bedeutung wird in diesem Prozess auch einer berufsfeldbezogenen und gezielten Auswahl der Lehramtsstudenten zukommen.
Eine Schule, die sich als lernende Organisation versteht und deren Lehrkräfte sich mehr in der Rolle eines Lernbegleiters als in der eines Paukers sehen, wird auch eine andere Form der Schulaufsicht benötigen, die mehr Zeit in die normativ-strategische Weiterentwicklung von Schule und Schulqualität und weniger Energie in Kontrolle, Bürokratie und reine Verwaltung investiert. Neben einer erheblichen „Verschlankung“ der Bürokratie muss hier vor allem über eine Neugewichtung der Aufgabenfelder von Schulaufsicht nachgedacht werden.
Neben den strukturellen Reformen muss vor allem das Bild von Schule und Bildung in der Öffentlichkeit wieder positiv besetzt werden. Insbesondere die „Institution Schule“ und ihr „Personal“ haben in der öffentlichen Diskussion ein schlechtes Image. Dabei haben gerade verschiedene empirische Untersuchungen gezeigt, dass die Akzeptanz der Institution Schule und der in ihr tätigen Lehrkräfte mit der Qualität bzw. Effektivität von Unterricht und Ausbildung in wechselseitiger Beziehung stehen. So genießen Lehrkräfte in den PISA-Siegerländern in der Regel ein hohes gesellschaftliches Ansehen, was wiederum gleichzeitig die Attraktivität des Lehrerberufes in diesen Ländern erhöht und dazu führt, dass der Lehrerberuf dort auch für die „Leistungsbesten“ interessant wird.
In Deutschland fehlt es bereits heute an qualifizierten Fachleuten. Dies trifft vor allem in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen (z.B. bei Ingenieuren) zu. Dieser Prozess wird sich in den nächsten Jahren dramatisch zuspitzen und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschland gerade in den zukunftsträchtigen Wirtschaftsbereichen erheblich beeinträchtigen. Der KKV wendet sich deshalb gegen die lange Zeit in unserer Gesellschaft verbreitete „Technikfeindlichkeit“ und fordert die Verantwortlichen in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft auf, Technik und Naturwissenschaften als Chance bzw. Herausforderung zu sehen.
Wichtigster Adressat von Schule und Bildung ist und bleibt der junge Mensch selbst. Schule und Ausbildung müssen sein physisches und psychisches Wohl im Blick haben, sich an seinen berechtigten Bedürfnissen und Interessen orientieren und ihn so gut wie möglich für seine Zukunft wappnen. Das bedeutet in seiner Konsequenz, dass Schule verstärkt auch ihre Schüler, und mit ihnen auch deren Erziehungsberechtigte, mit ins Boot holen muss. Dies betrifft gleichermaßen das Schulleben wie die Gestaltung des Unterrichtsalltages und schließt eine stärkere Partizipation und Mitbestimmung von Schülern und Erziehungsberechtigten bei der Auswahl von Unterrichtsinhalten, Lehr- und Lernmethoden sowie der Gestaltung von Schulstrukturen mit ein.
Resultierend aus unserem abendländischen christlichen Kulturverständnis, ist das Ziel von Schule und Bildung der selbstständige, mündige, eigenverantwortliche und ethisch bzw. moralisch handelnde Bürger, der Gesellschaft und Arbeitswelt aus christlicher Verantwortung heraus mitgestaltet.
Bildung ist die wertvollste Ressource, die Deutschland besitzt und wesentliche Voraussetzung für wirtschaftlichen Wohlstand, Innovationen sowie die Zukunftsfähigkeit und damit auch für soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden in unserem Land. Umso nachdenklicher muss es stimmen, dass der Anteil der gesamten Bildungsausgaben in Deutschland, gemessen am Brutto-Inlands-Produkt, erheblich unter dem Ländermittel der Industriestaaten (OECD) liegt. Besonders gering sind im internationalen Vergleich dabei die Ausgaben für den Primarbereich und die Vorschulzeit. Dies sind aber für die Kinder die besonders lern- und entwicklungsintensiven Phasen. So fordert der KKV, dass der Besuch des Kindergartens keine Kosten für die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten verursachen darf und die Tätigkeit der Erzieherinnen und Erzieher aufgewertet werden muss.
Ausgaben im Bildungsbereich sind nicht nur unverzichtbare Investitionen in die Zukunftsfähigkeit unseres Landes, sondern auch aufgrund der sozialen und wirtschaftlichen Effekte schon alleine unter ökonomischen Gesichtspunkten überlebensnotwendig.
Völlig untragbar und gesellschaftlich wie wirtschaftlich unverantwortlich ist der hohe Anteil von jungen Menschen in Deutschland, die derzeit keinen Ausbildungsplatz bzw. Arbeitsplatz bekommen. Die Perspektivlosigkeit und damit verbunden die empfundene deprimierende Chancenlosigkeit vieler junger Menschen stellen eine hochgefährliche soziale Zeitbombe dar. Der KKV setzt sich deshalb mit großem Nachdruck dafür ein, dass jeder arbeitsfähige Jugendliche einen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatz erhält. Hier stehen Politik und Wirtschaft, aber auch der junge Mensch in gegenseitiger Verantwortung.
Wer heute an Bildung und Erziehung spart, zahlt morgen ein Vielfaches für die daraus resultierenden „sozialen und ökonomischen Schäden“ und deren Krisen.