Bereits vor der Veranstaltung führten anregende Gespräche (v. li.): KKV-Landesvorsitzender Dr. Klaus-Stefan Krieger, Ministerpräsident a.D. Dr. Günther Beckstein, BWB-Vorsitzender Dr. Heribert Engelhardt und KKV-Bundesvorsitzender Bernd M. Wehner.

Foto: Klaus-Dieter Engelhardt

Ökumenischer Kirchentag: Früherer Ministerpräsident Beckstein beim KKV

Von der Sozial- über die Bildungs- bis zur Familienpolitik spann sich die Diskussion, die das KKV Bildungswerk Bayern (BWB) unter der Überschrift „Das Soziale neu denken“ beim 2. Ökumenischen Kirchentag veranstaltete. Betont herzlich begrüßte das Publikum im KKV Hansa Haus dazu den ehemaligen Ministerpräsidenten Dr. Günther Beckstein.

Er wählte einen brandaktuellen Einstieg. Die sozialen Folgen der Finanz-, Wirtschafts- und jetzt Haushalskrise seien noch gar nicht absehbar. Klar aber sei, dass unsere Kinder die gegenwärtige Verschuldung – insgesamt 2.000 Milliarden Euro in Deutschland – zu verzinsen hätten. Man müsse sich fragen, wie soziale Gerechtigkeit unter diesen Vorzeichen aussehe.
Für die gegenwärtige Situation machte Beckstein eine klare Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Gerechtigkeit aus. 1995 hätten laut Allensbach-Umfrage erst 43 % der Bürger die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik als ungerecht empfunden. 2008 seien es schon 75 % gewesen. Als Ursache benannte Beckstein das rasant gewachsene Einkommensgefälle. Habe in den 1970er Jahren ein Vorstandsvorsitzender eines Großkonzerns das Dreißigfache eines Mitarbeiters verdient, seien es 2001 das 350-Fache und heute das 500-Fache. Dass bei niedrigerem Verdienst das Führungspersonal lieber „arbeitslos“ bleibe, nannte Beckstein „verrückt“, weil hier die Maßstäbe ver-rückt seien. Lasse man freilich bei der Betrachtung der Einkommen die oberen und die unteren 10 Prozent weg, ergebe sich ein recht ausgeglichenes Bild. „Die Verteilungsgerechtigkeit funktioniert“, hielt der heutige Landtagsabgeordnete fest. Probleme bereiteten aber Phänomene wie die verschämte, verschwiegene Armut.

Der KKV-Landesvorsitzende Dr. Klaus-Stefan Krieger problematisierte als Gesprächspartner auf dem Podium die Notwendigkeit der Eigenverantwortung. Einerseits gebe es Familien, denen es an Kompetenz im Umgang mit dem Geld, bei der Haushaltsführung oder in der Kindererziehung fehle. Diese Menschen müsse man erst einmal zur Eigeninitiative befähigen. Andererseits sei Eigenverantwortung ein Recht, das in der Familienförderung nicht respektiert werde. Krieger forderte ein Familiengeld, das den Eltern die Wahl lasse, wie sie Familie und Beruf miteinander vereinbaren.
Über die Familienpolitik entspann sich eine kontroverse Diskussion mit dem Publikum. Während Beckstein bereits einen Zwang sah, dass junge Mütter nach der Geburt möglichst schnell in den Beruf zurückkehrten, beklagte eine Zuhörerin, dass es im ländlichen Raum keine Krippenplätze gebe.

Bei der Bildungspolitik blieb es bei einer Problemanzeige. Wie es gelinge, Kinder aus bildungsfernen Schichten gerade unter Migranten wirksam zu fördern, dazu wusste keiner der Beteiligten ein Patentrezept.

Beckstein schloss mit einem leidenschaftlichen Plädoyer zu einem Problem, das auch schon Krieger als neue Herausforderung angeschnitten hatte: Es gelte Lösungen zu finden, wie für eine zahlenmäßig wachsende ältere Generation eine gute Versorgung zu sichern sei, insbesondere in den Bereichen Wohnen und Pflege.

 

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