Bildung ist Grundlage für den Lebenserfolg

Hirschberg-Forum zeigt Defizite und Perspektiven der Bildungspolitik auf

Veranlasst durch die Ergebnisse der Pisa-Studie und anderer wissenschaftlicher Untersuchungen sowie durch die zunehmenden Schwierigkeiten, junge Menschen in den Arbeitsmarkt einzugliedern, befasste sich der KKV Bayern bei seinem 38. Hirschberg-Forum mit Fragen der Bildung. Übereinstimmend stellten die Referenten die überragende Bedeutung der Bildung für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft heraus und plädierten für einen höheren Stellenwert. Zugleich setzten sie sich für zeitgemäßere Strukturen und Methoden in der Schul- und Weiterbildung ein und befürworteten eine neue Lernkultur.

„Wir haben das richtige Schulsystem, aber die falschen Schüler“, so charakterisierte Dr. Albin Dannhäuser, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) ein wenig ironisch die schulische Situation in Bayern. Das verhältnismäßig gute Abscheiden im Ländervergleich dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass der in der Pisa-Studie für Deutschland festgestellte Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg gerade in Bayern negativ zutage tritt. Zudem sei die Zahl der Schüler, die sitzen bleiben oder das Gymnasium bzw. die Realschule wegen Überforderung wieder verlassen, höher als in anderen Bundesländern. Diese „Abbrecher“ und noch mehr die jungen Leute, die den Hauptschulabschluss nicht schaffen, hätten nur verminderte oder keine Berufschancen. Sie würden die Sozialsysteme vielmehr mit jährlich mehreren hundert Millionen Euro belasten.

Dr. Dannhäuser warf die Frage auf, ob es nicht sinnvoller sei, dieses Geld - und den Investitionsaufwand des Staates für manche „Prestige-Objekte“ - zur Verbesserung der Schulstrukturen und der Bedingungen für Lehrer und Schüler einzusetzen. Angesichts der veränderten Lebensumstände in den Familien komme es mehr denn je auf eine ganzheitliche Bildung an. Diese müsse nicht nur die Vermittlung von Wissen, sondern auch die Einübung von Schlüsselkompetenzen, wie Sozialverhalten, Kommunikationsfähigkeit, Kreativität sowie solidarisches Handeln beinhalten. Dafür eigne sich besonders die Ganztagsschule, allerdings nur dann, wenn ausreichendes pädagogisches Personal zur Verfügung steht, mit dem auch die individuelle Förderung lernschwächerer Schüler erleichtert werden kann. Ganzheitliche Bildung soll zudem schon im Vorschulalter beginnen, was vor allem für Kinder mit Migrationshintergrund von Vorteil sein dürfte.

Mit Nachdruck setzte sich der Referent dafür ein, dass alle Kinder in unserer Gesellschaft gleiche Bildungschancen erhalten und dass der Lernerfolg nicht nur an der Benotung der einzelnen Schulfächer gemessen wird.

Dr. Heribert Engelhardt und Dr. Matthias Erhardt, beide wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Schulpädagogik an der Universität Würzburg, befassten sich in einem Podiumsgespräch mit der Entwicklung des Bildungssystems in Deutschland und Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg und mit der aktuellen Situation. Durch die tiefgreifenden Veränderungen in unserer Gesellschaft, durch die Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen und durch die erhöhten Anforderungen in der Arbeitswelt sei das Schulwesen in eine kritische Phase gekommen: Verdichtung bzw. Überfrachtung der Lehrstoffes, Autoritätsverlust der Lehrer, Konfliktzunahme und Entsolidarisierung der Schüler, Anspruchsdenken der Eltern u.a. Vor allem die Beibehaltung des dreigliedrigen Schulsystems und die frühe Selektion (nur noch in Deutschland und Österreich wird diese bereits nach dem vierten Schuljahr vorgenommen) führten dazu, dass nicht wenige Kinder mit der Hauptschule vorlieb nehmen mussten. Dabei sei das Ansehen dieser Schule derart gesunken, dass sie heute geradezu als „Vermeidungsschule“ oder als „Restschule“ eingestuft wird, auch deshalb, weil sie hohe Anteile von Schülern aus sozial schwachen oder Migrantenfamilien hat.

Nach Ansicht der Podiumsteilnehmer ist das Bestreben der Eltern, ihren Kindern den Übertritt zum Gymnasium oder zur Realschule zu ermöglichen, mit dem höheren „Tauschwert“ (bessere Berufschancen, Möglichkeit zum Studium) zu erklären. Dennoch sei es bemerkenswert, dass 49% der Kinder aus Beamtenfamilien, aber nur 6% aus Arbeiterfamilien ein Studium beginnen.

Dr. Engelhardt und Dr. Erhardt sprachen sich dafür aus, die schulische Bildung umfassenden und ganzheitlicher als bisher zu gestalten. Sie müsse fördern, aber zugleich fordern, motivieren und Begabungen besser erkennen, zur Leistung anregen und zu verantwortlichem Handeln erziehen, sie müsse Werte vermitteln und das Gemeinschaftsbewusstsein stärken. Wichtig sei das Zusammenwirken von Schule und Elternhaus. Eltern dürften ihre Kinder nicht in jeglicher Hinsicht „in Schutz nehmen“ oder sie gar zu Prinzen und Prinzessinnen erziehen, die nicht angetastet werden dürfen. Ganztagsschulen könnten den Vorstellungen von einer ganzheitlichen Schulbildung nahe kommen, aber man sollte auch den Mut zur Vielfalt in den Schulformen haben.

Der Leiter der Abteilungsweiterbildung im Bischöflichen Ordinariat Eichstätt und stellvertretende Vorsitzende der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (KBE), Dr. Bertram Blum, stellte in seinem Referat die Bedeutung der Erwachsenenbildung allgemein und als pastorale Aufgabe der Kirche heraus. Er bezeichnete Bildung als „Schlüssel zur Welt“, wies aber zugleich darauf hin, dass Wissen, Erfahrung und Kompetenzen immer wieder aufgefrischt werden müssen. Sonst könne man in den ständig wechselnden Zeitströmungen, in der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung und in den gesellschaftlichen Umbrüchen nicht „Überleben“, auch nicht als Mitglied der Kirche.

Dr. Blum ordnet die Katholische Erwachsenenbildung in den Heils- und Weltdienst der Kirche ein. In der Nachfolge Christi seien dazu nicht nur die Amtsträger sondern alle Gläubigen aufgerufen. Die Katholische Erwachsenenbildung biete dazu einen wichtigen Beitrag zur Befähigung und Bewusstseinsbildung, zur Information und zur Lösung von Problemen in Familie, Arbeitswelt und Gesellschaft. Ihr Dienst am Menschen sei zugleich Erfüllung einer Teils des Weltauftrags der Kirche. Nach Meinung von Dr. Blum dürften die bei Staat und Kirche bestehenden Tendenzen, die finanzielle Förderung der Erwachsenenbildung wegen der angespannten Haushaltslage weiter einzuschränken, in absehbarer Zeit anhalten. Die Träger der Erwachsenenbildung müssten sich darauf einstellen und sich noch mehr auf ihre Kernaufgaben und -kompetenzen ausrichten. Die Entscheidungsträger in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft sollten sich aber bewusst sein, dass nicht nur die schulische Bildung sondern auch die Weiterbildung im Erwachsenenalter von existenzieller Bedeutung für unser Land ist. Und das gelte mit Blick auf die Katholische Erwachsenenbildung auch für die Zukunft der Kirche.

Das Hirschberg-Forum des KKV-Bildungswerks Bayern der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung findet jedes Jahr auf Schloss Hirschberg bei Beilngries statt. Mit dieser Veranstaltung beginnt zugleich die inhaltliche Arbeit mit dem jeweiligen Jahresthema. Für 2006/2007 lautet es: „Kapital Bildung: Leben will gelernt sein“. Neben den Vorträgen und Gesprächsrunden bot das Hirschberg-Forum Konzerte, Exkursionen und Besichtigungen sowie gesellige Begegnungen. Am 36. Hirschberg-Forum nahmen über 80 Personen aus dem gesamten Freistaat und dem übrigen Bundesgebiet teil.

V.i.S.d.P. Wolfgang Barth
20-06-06

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